Zuerst seien sie nur zu dritt gewesen, sagenmanche, und ihre Namen hätten »Übung«, »Gedächtnis« und »Gesang« bedeutet. Aber der Dichter Hesiod hat uns das Bild von den neun Musen in den Kopf gesetzt und nun werden wir es nicht mehr los. Als Töchter des Göttervaters Zeus und der Mnemosyne, der personifizierten »Erinnerung«, bewohnten sie ihr Heiligtum am Berg Helikon, wo die Quelle aller Schöpferkraft entsprang. Von dort wandelten sie nächtlich herab, singend, tanzend und »redend alles, was ist, was sein wird, oder zuvor war…«, um ihr geheimes Wissen mit den Sterblichen zu teilen. Oder vielleicht war es auch auf dem Parnass unfern von Delphi, wo sie ihr segensreiches zivilisatorisches Tun entfalteten – unter der Oberaufsicht des Gottes Apollon, der als Musenführer gilt: als Apollo Musagetes. Klassisches Ebenmaß, Ordnung und Klarheit verkörpert er in seiner Sonnenhelle und ist doch nicht zu trennen von seinem Widerpart Dionysos, der den Rausch und die hinreißende Begeisterung bringt, ohne die die Magieder Musen nie entstünde, die Formen sprengt, um neue Form  zu schaffen für eine neue Anschauung der Welt.

Friedrich II. machte das Bild von Apollon im Kreis der Musen zu einem Leitmotiv seiner Regentschaft. Als Musenführer seines Zeitalters, der Künste und Wissenschaften um sich versammelt und sie fördert, wollte er in die Geschichte eingehen. Dabei stehen die Wirkungssphären der Musen von jeher vielfältig zueinander in Beziehung: Tanz, Dichtung und andere Formen menschlichen Ausdruckswillens treten auf dem Parnass in einen Dialog, der alle schöpferischen Kräfte zur Entfaltung bringt, verbunden durch die Kraft der Musik. Genau diesem Verhältnis zwischen den Schwesterkünsten und der Musik spüren die Musikfestspielenach – angeregt vom genius loci ihrer Schauplätze, der immer neue Synthesen bietet zwischen Musik und Gartenkunst, Musik und Malerei, Musik und Architektur, aber auch auffordert, nach den heutigen, aktuellen Verbindungen zwischen den Künsten zufragen.

Terpsichore, die Muse des Tanzes, tritt 2019 mehrfach ins Rampenlicht: in moderner Inszenierung bei Strawinskys »Apollon Musagète« wie in barockem Gewand bei Händels »Terpsichore«. Euterpe als Schirmherrin der Tonkunst erscheint im neuen Design der Festspiele gleich in vervielfachter Gestalt. Sie ist auch die Muse des Flötenspiels – ihr Lieblingsinstrument, das ihr im Potsdamer Musenrondell irgendwann abhanden kam, wird ihr beim neu eingeführten FLÖTENTAG mit Flötisten aus aller Welt und Uraufführungen neuer Kompositionen wiedergeschenkt. Thalia, Muse der Komödie und der Festlichkeit, lädt zur COMMEDIA NACHT am Neuen Palais, wo schon Friedrich II. gern Komödie spielen ließ. Erato verzaubert mit Amors Liedern, Melpomene erzählt die Tragödie des verliebten Riesen Polifemo. Urania – Muse der Wissenschaften – lehrt Sternenkunde am Großen Refraktor, Kalliope – die Mutter des Orpheus – lässt vielerorts ihr magi- sches Saitenspiel ertönen, Klio weiht uns in die geschichtlichen Hintergründe des Erlebten ein. Auch Polyhymnia findet sich beim Barockmeister Henry Purcell ebenso wieder wie in den »Leben- den Bildern« der legendären Lady Hamilton.

Und immer wieder begegnen uns die Musen ganz leibhaftig – als Menschen von besonderer Begabung, die Künstler in Vergangenheit und Gegenwart zu schöpferischen Höchstleistungen beflügelten.

»Why are all the Muses mute?« (Warum  sind  alle Musen stumm?), fragt Purcell in einer seiner wunderbaren Oden, die im Eröffnungskonzert erklingen. Bei den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci 2019 bleiben sie nicht stumm, sondern vereinen ihre Stimmen im inspirierten Dialog, der Zeit und Raum überwindet. Einst nannte man alle Musenkünste»musiké« – so bewahrt unser Wort »Musik« die Erinnerung an die ursprüngliche Gemeinschaft der Musen in ihrem unerschöpflichen utopischen Potential. In diesem Sinne sollen die Musikfestspiele ein Fest der Musen sein, eine Feier der Künste in ihrem lebendigen Miteinander, eine Spurensuche nach den Quellen der Inspiration, die uns über unsere Grenzen hinaus zu neuen Horizonten führt. Und eine Stätte, wo die Muße gerne einkehrt, ohne die das freie Spiel der Musen nicht gelingt…

Dorothee Oberlinger

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