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Römische Girlanden

Digitale Veranstaltung
Donnerstag
24. Juni
20:00
Raffaelsaal, Orangerieschloss Sanssouci

Der Live-Stream zum Nachschauen

Eine der aufregendsten Geigerinnen ihrer Generation widmet sich mit ihren kongenialen Partnern einem Gipfelwerk der Violinliteratur. Arcangello Corellis Opus 5, der preußischen Königin Sophie Charlotte zugeeignet, bietet dem Interpreten viel Spielraum zu eigener ornamentaler Ausgestaltung. Wie die folgenden Geiger-Generationen Corellis klassische Linien mit immer virtuoseren und extravaganteren Verzierungen umranken, offenbart ein spannender Konzertabend, der das »Original« und seine spielerische Neudeutung mit Werken der Corelli-Nachfolger in Beziehung setzt. Und natürlich warten die Interpreten auch mit eigenen Verzierungsvarianten auf!

Nach der Aufführung: Künstler:innengespräche live vom Winzerberg in der virtuellen Künstlerkneipe »Zur Goldenen Palme«

Künstler

MUSIca ALcheMIca
Lina Tur Bonet,
Violine | Marco Testori, Violoncello | Jadran Duncumb, Theorbe | Adrià Gràcia Gàlvez, Cembalo

Programm

Arcangelo Corelli (1653-1713)
Sonata op. V Nr. 1 in D-Dur
     Grave
     Adagio
     Allegro

(Verzierungen von Lina Tur Bonet)

Giuseppe Tartini (1692-1770)
Sonata »Didone Abbandonata« in d-moll
     Affettuoso
     Presto
     Allegro

Arcangelo Corelli
Sonata op. V Nr. 8 in e-Moll
     Preludio (Largo)
     Corrente (Allegro)
     Sarabanda (Largo)

     Giga (Allegro)

(Verzierungen des Preludio von Tartini;
Verzierungen der weiteren Sätze von Lina Tur Bonet & Marco Testori)

Sonata op. V Nr. 9 in A-Dur
     Preludio (Largo)
     Giga (Allegro)
     Adagio
     Tempo dio Gavotta (Allegro)

(Verzierungen des Preludio von Geminiani,
Verzierungen der weiteren Sätze von Lina Tur Bonet & Adrià Gràcia Gàlvez)

Francesco Maria Veracini (1690-1768)
Sonata Accademica Nr. 12 in d-Moll

Arcangelo Corelli
Sonata op. V Nr. 12 »La Follia«

Corelli und die Folgen

Rom um 1700 war für freischaffender Musiker bestimmt ein anstrengender, aber auch höchst attraktiver Arbeitsplatz. Denn erstens lebte man in der Ewigen Stadt, wo zahlreiche Musiker gebraucht wurden, um das intensive Musikleben aufrechtzuerhalten. Zweitens hatte man Zugang zu den besten Feierlichkeiten, die in den Palazzi, den Akademien und Kirchen stattfanden (und unter den fortschrittlicheren Päpsten auch in den Theatern): Es gab ununterbrochen private Empfänge, religiöse Gedenkfeiern, Messen für die Heilung Ludwigs XIV. oder Feste für Botschafter oder Könige, und keines dieser Ereignisse fand ohne Musik statt. Und drittens kam es nicht selten vor, dass die Kollegen bei diesen Aufführungen (mit Besetzungen bis zu 150 Instrumentalisten) Scarlatti, Pasquini, Stradella oder Lulier hießen, und die Leitung konnte in den Händen von Händel oder Corelli liegen! Man sieht sie förmlich vor sich, all die Musiker, wie sie hastig mit ihren Instrumenten unterm Arm die Straßen durcheilen, die von der Kirche San Luigi dei Francesi zu San Lorenzo in Damaso führen oder den Palazzo Pamphilj mit der Cancelleria verbinden.

Opus 5: Ein Jahrhundertwerk

Arcangelo Corelli wurde unter dem Beinamen »Il Bolognese« bekannt (er war in Bologna ausgebildet worden) und erarbeitete sich innerhalb weniger Jahre ein Renommee, wie es vielen Künstlern im Verlauf ihres ganzen Lebens nicht gelang. Er trat in den Dienst der bedeutendsten Mäzene (Kardinal Pamphilj, Christina von Schweden, Kardinal Ottoboni), leitete die wichtigsten Aufführungen, als wäre er überall zugleich, und entwickelte sich zum höchstbezahlten Musiker der Stadt.

Die Sonaten seines epochemachenden Opus 5 hat er in den Jahren vor der Publikation mit Sicherheit immer wieder gespielt und immer weiter perfektioniert. Das für die Veröffentlichung gewählte symbolische Datum, der 1. Januar 1700, scheint deren Bedeutung noch zu unterstreichen und weist schon auf die über 50 Neuauflagen und Bearbeitungen voraus, die allein im Verlauf des neuen Jahrhunderts entstehen sollten. Gewidmet wurde es der musikbegabten Kurfürstin Sophie Charlotte von Brandenburg, der künftigen preußischen Königin.

Die Sammlung besteht aus sechs Kirchensonaten (»da chiesa«) und sechs Kammersonaten (»da camera«) – Bezeichnungen, die nichts mit dem tatsächlichen Gebrauch zu tun haben, sondern mit der Struktur der Musik. Sie sind in wahrhaft göttlichen Proportionen angeordnet und weisen eine perfekte formale Einheit auf. In den ersten sechs lauschen wir der äußerst ausgewogenen kontrapunktischen Schreibweise, die Corelli in Rom erlernt hatte. Die weiteren sechs sind ähnlich gearbeitet, aber etwas flexibler. Die eher höfischen Tänze laden in den wiederholten Abschnitten zu freien Improvisationen ein. Dieser Registerwechsel führt schließlich zur irrwitzigen »Follia«, deren Thema mit weit zurückliegenden portugiesischen Wurzeln so viel kompositorische Leidenschaft entfacht hat.

Der Stimmungsgehalt reicht von Heiterkeit und Kontemplation bis zum Überschwang, aber immer mit einer unterschwelligen Harmonie, weit entfernt vom extravaganten Stylus Phantasticus, der zu dieser Zeit in Europa florierte (man bedenke nur, dass Corelli und Biber quasi Zeitgenossen sind). In einer immerwährenden Pendelbewegung herrschen hier die klassischen Proportionen, und harmonische Wagnisse müssen immer begründet sein. Der Reichtum an Emotion und Expressivität ist in eine erhabene Klarheit eingebettet, und genau daraus speist sich die Bedeutung dieses Werkes.

Perfekte Architektur – mit offenen Fenstern

Nach Corellis Opus 5 gab es keinen Komponisten, der die Lehren daraus nicht angewendet, keinen Kompositionsschüler, der sich in seiner Ausbildung nicht damit beschäftigt hätte. Jeder Geiger, der etwas auf sich hielt, schuf eigene Verzierungen, neue Sonaten klangen nie mehr wie vor Opus 5. Es gab auch keinen Verleger, der nicht Gewinn daraus gezogen hätte. Der Einfluss dieser Sonaten reichte sogar über den Atlantik hinweg. Im Archiv der Jesuitenmissionen der Chiquitos in Bolivien habe ich Manuskripte aus dem 18. Jahrhundert gesehen, in denen einzelne Sätze enthalten waren, die wohl von den Ureinwohnern dieser Gegend gespielt wurden.

Viele der Sätze bilden einen Rahmen, eine perfekte Architektur mit offenen Fenstern, damit jeder Geiger die Kunst der Verzierung üben und sich darin vervollkommnen kann. Einer der ersten Lehrmeister Corellis in Bologna, der Venezianer Leonardo Brugnoli, war zweifellos als Virtuose auf dem Gebiet der Ornamentierung sehr fantasievoll. Man kann Verzierungen improvisieren, sie skizzenhaft festhalten oder je nach Komplexität genau ausschreiben, was an die heutige Praxis des Jazz erinnert. Viele Geiger hinterließen ausgeschriebene Fassungen (vielleicht aus pädagogischen Gründen oder zum persönlichen Gebrauch) und schufen damit Beispiele für die Kreativität, die jeder Geiger besitzen sollte.

Inspiration über Generationen

Noch 1776 beschrieb der Musikschriftsteller Charles Burney Corellis Opus 5 als das Werk, »worauf seitdem alle guten Violinschulen beruhen«. Corellis Einfluss auf die unmittelbar nachfolgenden Geiger ist enorm und unbestritten, und in dieser Hinsicht ist er ein Meister mehrerer Generationen. Geiger wie Veracini, Tartini und Geminiani haben sich über ihre gesamte Karriere mit seinem Werk auseinandergesetzt.

Francesco Maria Veracini (1690-1768) wurde in Florenz geboren und war weit über Italien hinaus bekannt. Er spielte mit Erfolg in italienischen Opernaufführungen in London, wo er um 1714 entdeckt wurde; zwischen 1717 und 1722 diente er längere Zeit am Dresdner Hof und arbeitete in Polen und Tschechien für den Grafen Kinsky. Danach kehrte er wieder nach London zurück, wo er sich zwischen 1736 und 1745 aufhielt. Veracini war bereits ein bedeutender Geiger, seine von großer Frische und melodischer Freiheit geprägte Musik bringt etliche innovative Elemente wie etwa den neuartigen Einsatz von Harmonie, Chromatik, Doppelsaiten und eine für seine Zeit sehr fortschrittliche Ornamentik: Deutlich zu hören in seiner Sonata Accademica Nr. 12 in d-Moll.

Sein Altersgenosse Giuseppe Tartini wurde am 8 April 1692 in Pirano (heute Piran, Slowenien) geboren, einer Stadt auf der Halbinsel Istrien, die damals zur Republik Venedig gehörte. Seine Mutter war Slowenin, sein Vater ein venezianischer Salzhändler und Landverwalter an der istrischen Küste. 1716 hatte Tartini bei einem Konzert zu Ehren des Kurfürsten von Sachsen Gelegenheit, Francesco Maria Veracini im Palazzo Mocenigo in Venedig zu hören. Verracinis Kunst beeindruckte Tartini, machte ihm aber auch die eigene technische Unterlegenheit bewusst. Zutiefst enttäuscht von sich selbst, zog er sich nach Ancona zurück, um sich hauptsächlich in der Bogentechnik zu üben. Vor allem aber fand er zu einer neuen Verwendung der Kantilene, die der musikalischen Interpretation eine innovative Farbe gab.

Tartini erwies sich als Künstler von sensiblem Geist, großer Willensstärke und unerschöpflichem Wissensdurst. Angetrieben vom Streben nach künstlerischer Perfektion entwickelte er seine Fähigkeiten immer weiter, um eine ausgereifte Beherrschung der Geige zu erreichen. Seine Sonate »Didone Abbandonata« ist dafür das beste Beispiel und gilt zu Recht als eines der schönsten und am höchsten geschätzten Werke aus seiner Feder.

Der Meistergeiger Francesco Geminiani aus Lucca stand in Rom mit Corelli höchstselbst in Kontakt: Ehrensache, dass er dessen Sonaten in seinem eigenen Stil verzierte. Und nicht nur das: Er arbeitete die Sonaten op. 5 auch zu 12 Concerti grossi um und trug enorm zum langanhaltenden Erfolg Corellis in England und Irland bei, wo er lange Jahre hochangesehen wirkte.

Auf den Spuren von Corelli & Co.

Was meine eigenen Corelli-Verzierungen fürs heutige Konzert betrifft, so habe ich mich dafür entschieden, Improvisation und Ausarbeitung miteinander zu verbinden, wobei ich mich immer auf die Komposition bezogen habe. Ich habe folglich alle erhältlichen Quellen untersucht, die Corelli zugeschriebene Roger-Ausgabe und zahlreiche weitere von Geigern jener Zeit. Aber vor allem habe ich mich an der rhetorischen Struktur und an rhetorischen Figuren orientiert, die mich immer schon enorm interessiert haben. Ich habe versucht, dem Diskurs durch den Einsatz dieser Figuren eine Form zu geben, die der Emotion oder dem strukturbedingten Moment entspricht. Die Rhetorik, als Kunst der Beredsamkeit ein Kernelement der barocken Ausdruckskunst, ist auch der eigentliche Motor meiner Ornamentation, die von tiefster Liebe und höchstem Respekt für das inspirierende Vorbild getragen sind.

Lina Tur Bonet

 

MUSIca  ALchemiCA

Aus dem Wunsch, ihre weitgespannten künstlerischen Interessen mit gleichgesinnten Musikern zu teilen, gründete die spanische Geigerin Lina Tur Bonet MUSIca ALchemiCA: ein Ensemble mit flexibler Besetzung, das Musik verschiedenster Stile und Epochen aufführt und sie gern auch in multidisziplinären Projekten mit anderen künstlerischen Ausdrucksformen verbindet. Das Ensemble spielte bereits in ganz Spanien und Südamerika, auf europäischen Musikfestivals und in Tokyo und erwarb sich auch durch seine preisgekrönten Aufnahmen (darunter zahlreiche Ersteinspielungen) hohe internationale Anerkennung.

Von der internationalen Presse als »Teufelsgeigerin« gefeiert und für ihre Virtuosität, verbunden mit tiefer Musikalität und stilistischem Wissen, hoch geschätzt, hat Lina Tur Bonet eine vielseitige Karriere als Geigerin und Dirigentin entwickelt. Sie studierte an den Universitäten Freiburg und Wien, arbeitete in Weltklasse-Ensembles unter der Leitung von Claudio Abbado, Daniel Harding, Marc Minkowski, William Christie, Teodor Currentzis, Daniele Gatti und John Eliot Gardiner und teilte sich die Bühne mit Kammermusikpartnern wie Christian Zacharias, Menahem Pressler und Enrico Onofri. Als fulminante Solistin feierte sie Erfolge auf Festivals und an großen Konzertstätten in aller Welt wie dem Amsterdamer Concertgebouw und dem Wiener Musikverein, als Gastkonzertmeisterin spielte sie u.a. bei Il Complesso Barocco, Concerto Köln und weiteren renommierten Kammer- und Sinfonieorchestern. Von ihren 14 vielfach preisgekrönten CDs sei besonders ihre Einspielung der Biberschen »Rosenkranzsonaten« hervorgehoben, die von Radio France Classique zur besten Version des Werkes gekürt wurde.

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