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Den Bogen raus

Digitale Veranstaltung
Mittwoch
23. Juni
20:00
Raffaelsaal, Orangerieschloss Sanssouci

Der Live-Stream zum Nachschauen

Lange Zeit spielten Instrumente nur nach, was für Singstimmen gesetzt war. Doch ab 1600 gewinnt das Instrumentalspiel an Freiheit, emanzipieren sich solistische Instrumente wie die Violine und bald darauf auch schon das Cello. Komponisten, darunter Heinrich Ignaz Franz Biber oder Johann Paul von Westhoff, sind oft selbst hervorragende Violinisten und gehen mit ihren virtuosen Sonaten bis an die Grenzen des Spielbaren. Wohin die Reise dabei geht, erleben Sie im zweiten Konzert von Lina Tur Bonet am 24. Juni, dann mit virtuosen Werken des 18. Jahrhunderts.

Nach der Aufführung: Künstler:innengespräche live vom Winzerberg in der virtuellen Künstlerkneipe »Zur Goldenen Palme«

Künstler

MUSIca ALcheMIca
Marco Testori, Violoncello
Jadran Duncumb, Barockgitarre & Theorbe
Lina Tur Bonet, Violine

Programm

Heinrich Ignaz Franz von Biber (1644-1704)
Sonata I »Die Verkündigung«
aus den »Rosenkranzsonaten«

Biagio Marini (um 1587-1638)
Sonata Quarta »Per sonar con due corde«

Giovanni Battista Vitali (1632-1692)
Toccata e bergamasca in D-Dur

Giovanni Antonio Pandolfi Mealli(1629-1679)
Sonata op. 4 Nr. 6 »La Vinciolina«

Giovanni Girolamo Kapsperger (ca. 1580-1651)
Toccata 7ma
aus: Libro quarto d’intavolatura di chitarrone

Biagio Marini (1594-1663)
Sonata »Per sonar con tre corde a modo di lira«

Domenico Gabrielli (1655-1690)
Ricercare in C-Dur für Violoncello solo
Sonata in G-Dur für Violoncello & Basso continuo

Francesco Corbetta (1615-1681)
Caprice de Chaconne

Johann Paul von Westhoff (1656-1705)
»Imitazione di liuto«

Giovanni Paolo Cima (um 1570-1630)
Sonata Seconda
aus: Concerti ecclesiastici

Johann Heinrich Schmelzer (1620-1680)
Sonata Quarta
aus: Sonatae unarum fidium, seu a violino solo

»Seicento« – Das 17. Jahrhundert hat es in sich

Mit der ersten von Heinrich Ignaz Franz von Bibers sogenannten »Rosenkranzsonaten«, der »Verkündigung«, beginnt das heutige Konzert so fesselnd wie beziehungsreich: Verkündigt sie uns doch die große Freude, von einem Gipfel der Violinkunst aus das überwältigend reiche Panorama virtuoser Instrumentalmusik eines ganzen aufregenden Musikjahrhunderts lauschenderweise zu überschauen. Das 17. Jahrhundert bringt nicht nur die Emanzipation der individuellen Gesangsstimme zu dramatischer Ausdruckskunst bis hin zur Oper hervor: Es bringt auch die Emanzipation der Instrumente, die jenseits traditioneller tanz- und gesangsbegleitender Funktion ihr jeweils eigenes Potential auszuspielen beginnen. Für beides bietet der Basso continuo (Generalbass) als strukturelle Innovation das harmonische Fundament. Nicht zufällig sind die Komponisten des heutigen Konzerts in Personalunion auch große Instrumentalvirtuosen gewesen: Ihre gedruckten Werke sind ein Spiegel ihrer eigenen technischen Fähigkeiten und Möglichkeiten, die ihre kompositorische Fantasie zu neuen Horizonten treiben.

Asse auf der Geige

Zu den frühesten gedruckten Violinsonaten überhaupt gehört Giovanni Paolo Cimas Sonata Seconda, die der Mailänder 1610 in seiner Sammlung von Concerti ecclesiastici veröffentlichte. Beflügelt von den Meisterinstrumenten der Geigenbauer aus Brescia und Cremona und aus Tirol starten die Geiger im 17. Jahrhundert richtig durch. Mit den Musikern wandern die neuen Ideen, und die Kunst der Italiener ist auch an Höfen diesseits der Alpen sehr gefragt.

Als der herausragende Geiger Giovanni Antonio Pandolfi Mealli 1660 seine Sonatensammlungen op. 3 und 4 veröffentlichte, war er am erzherzoglichen Hof in Innsbruck angestellt, wo der große Geigenbauer Jacob Stainer für vorzügliche Instrumente sorgte. Die hier eifrig gepflegte italienische Oper bot ihm gewiss zusätzliche Inspiration; mehrere seiner Sonaten huldigen jedenfalls den italienischen Kastraten, die dort als Opernstars reüssierten. »La Vinciolina« widmete er hingegen einer Dame, der »sehr erlauchten Signora Teodora Vincioli, meiner einzigartigen Herrin«. Mehr wissen wir über ihre Beziehung nicht, jedenfalls inspirierte sie ihn zu einem schillernden Stück von beeindruckender Expressivität.

Auch Biagio Marini, vielbewunderter Violinvirtuose aus der Geigenhochburg Brescia, nahm den Weg über die Alpen und wirkte fast 30 Jahre in Neuburg an der Donau und in Düsseldorf. Seine 1629 veröffentlichte große Instrumentalmusik-Sammlung op. 8 wirbt schon im Titel mit den »kuriosen und modernen Erfindungen« des Verfassers, der in seiner Sonata »Per sonar con due corde« ausgiebig zweistimmiges Spiel mit Doppelgriffen verlangt. In der zweiten hier vorgestellten, »Per sonar con tre corde a modo di lira«, treibt er das akkordische Spiel sogar so weit, dass die Notation die Grenzen der damaligen drucktechnischen Möglichkeiten sprengt. Hier wird die Tradition der Lira da braccio aufgegriffen, jenes Streichinstruments, das man auf Gemälden der Renaissance in den Händen Apolls oder Orpheus‘ entdecken kann. In England nennt man das akkordische Spiel auf der gambe »lyra way«, und die großen Geiger des deutschsprachigen Raums – Biber in Salzburg, Schmelzer in Wien, Westhoff in Dresden – brachten es in dieser Technik zu großer Meisterschaft.

Das Imitieren anderer Instrumente war nicht nur geeignet, den Hörer mit raffinierten special effects zu überraschen, es erweiterte auch die spieltechnischen Möglichkeiten und kompositorischen Einfälle der Geiger, wie man an Johann Paul von Westhoffs »Imitazione di liuto« hören kann. Der hatte es in Dresden mit zahlreichen italienischen Kollegen zu tun. Schon vor ihm hatte der originelle Violinvirtuose Carlo Farina dort gewirkt und 1627 einen Band mit dem Titel Capriccio stravagante veröffentlicht, worin die Geige alles Mögliche von der Katze bis zur spanischen Gitarre imitiert.

Die Gitarre wird royal und die Bässe trumpfen auf

Nicht nur den Bogen hat man raus. Die Gitarre avancierte um die Jahrhundertmitte an Europas Höfen geradezu zum Modeinstrument, propagiert nicht zuletzt vom umtriebigen Francesco Corbetta, der das eher volkstümliche Instrument zu ungeahnten virtuosen Höhenflügen führte. Auch der junge Sonnenkönig wollte damals unbedingt Gitarre spielen lernen, sein halber Hof tat es ihm nach, und ihm ist auch Corbettas Sammlung von in einer speziellen Griffschrift notierten Gitarren-Tablaturen La guitarre royalle gewidmet, dem die raffinierte »Caprice de Chaconne« entnommen ist.

Aus der Bassgruppe beginnt damals wiederum ein Streichinstrument solistisch hervorzutreten, das terminologisch schwer zu fassen ist, weil es unter verschiedenen Namen mit nicht immer eindeutigem Inhalt durch die Literatur geistert. So schuf Giovanni Battista Vitali um 1680 in Modena seine Partite sopra diverse sonate per il violone, hatte dabei aber wohl eher ein Instrument im Sinn, das man heute Violoncello nennen würde. Zu einer virtuosen Toccata gesellt sich mit der Bergamasca ein bäuerlicher Tanz aus dem italienischen Bergamo, der von den Komponisten im 17. Jahrhundert variantenreich immer wieder gern aufgegriffen wurde. Da war er schon ein Dauerbrenner: In Shakespeares »Sommernachtstraum« tanzen ihn die schauspielernden Handwerker zum Abschluss ihrer Darbietung.

Bei Domenico Gabrielli aus Bologna ist die Sache klar: Schon zu seiner Zeit nannte man ihn liebevoll-anerkennend »Minghino dal Violoncello«. Ihm verdanken wir die ersten überlieferten Stücke, die explizit fürs Cello geschrieben wurden, darunter das hier vorgestellte Ricercar für Cello solo und die ersten beiden Sonaten für Cello und Basso continuo. Ein wahrer Pionier des wunderbaren Instruments, das dann im Laufe des 18. Jahrhunderts die aristokratische Gambe allmählich in den Schatten stellen wird.

Unter die Rubrik »Emanzipation der treuen Begleiter« fällt auch die Theorbe. Giovanni Girolamo Kapsperger, der als Sohn eines Österreichers und einer Venezianerin in Venedig geboren wurde und später am päpstlichen Hof in Rom Karriere machte, erkannte frühzeitig das virtuose Potential seines Leibinstruments und veröffentlichte 1604 die allererste Sammlung mit Solostücken für die Theorbe. Seine außergewöhnliche Kunst machte ihn als »Il tedesco della tiorba«, den Deutschen mit der Theorbe, bekannt. Mit dem Chitarrone hat er in seinem vielfältigen Œuvre ein weiteres tiefes Lauteninstrument reich bedacht, so mit der virtuosen Toccata aus seinem vierten Chitarrone-Buch von 1640.

Sonaten und andere Chamäleons

Was für vielgestaltige Gebilde die Sonaten des 17. Jahrhunderts sein konnten, war durch das ganze Konzert hindurch immer aufs Neue zu bewundern. Zum Abschluss breitet Johann Heinrich Schmelzer, der sich in Wien vom Geiger zum ersten nicht-italienischen Hofkapellmeister hocharbeitete, in der vierten seiner Sonatae unarum fidium, seu a violino solo eindrucksvoll seine Künste aus. Mit dieser Sammlung war er 1664 der erste deutsche Komponist, der Sonaten für Violine solo veröffentlichte. Hier hören wir eines der produktivsten Kompositionsmuster des Barock in Aktion, denn nach Art einer Passacaglia entfaltet sich das Werk über weite Strecken wie eine großangelegte Improvisation über eine immer wiederkehrende absteigende Viertonfolge im Bass, bevor es sich schließlich von seinem Ostinato-Fundament löst. Tanzcharaktere wie Sarabande und Gigue blitzen auf, eine Art Rezitativ bildet einen ausdrucksvollen Ruhepunkt, um zum Finale wiederum wild schwirrenden Spielfiguren Platz zu machen.

Melodiös, kontrapunktisch raffiniert, tänzerisch beschwingt, hochexpressiv und kapriziös und atemberaubend virtuos – das alles kann die Instrumentalmusik des 17. Jahrhunderts sein: erst recht unter den Händen solcher Klangalchemisten wie Marco Testori, Jadran Duncumb und Lina Tur Bonet. Vorsicht: Diese Musik kann süchtig machen!

Babette Hesse

 

MUSIca ALchemiCA

Aus dem Wunsch, ihre weitgespannten künstlerischen Interessen mit gleichgesinnten Musikern zu teilen, gründete die spanische Geigerin Lina Tur Bonet MUSIca ALchemiCA: ein Ensemble mit flexibler Besetzung, das Musik verschiedenster Stile und Epochen aufführt und sie gern auch in multidisziplinären Projekten mit anderen künstlerischen Ausdrucksformen verbindet. Das Ensemble spielte bereits in ganz Spanien und Südamerika, auf europäischen Musikfestivals und in Tokyo und erwarb sich auch durch seine preisgekrönten Aufnahmen (darunter zahlreiche Ersteinspielungen) hohe internationale Anerkennung.

Der Meistercellist Marco Testori war 1994-2004 Erster Cellist des Ausnahmeensembles Il Giardino Armonico und arbeitet mit führenden Ensembles der Alten Musik wie I Barocchisti, Complesso Barocco, Accordone, Il Suonar Parlante und Ensemble 1700. Mit diesen war er an renommierten Konzertstätten wie dem Amsterdamer Concertgebouw, dem Wiener Musikverein oder der New Yorker Carnegie Hall zu Gast und an zahlreichen preisgekrönten Einspielungen beteiligt. Derzeit ist er Erster Cellist bei Atalanta Fugiens. Der Frauenchor Convivia Musica, für den er auch komponiert, feierte unter seiner Leitung viele Wettbewerbserfolge.

Der Lautenist und Gitarrist Jadran Duncumb ist ebenso als Continuospieler in namhaften europäischen Barockensembles wie als Solist namentlich im Barockrepertoire international gefragt. Er arbeitete mit prominenten Partnern wie den GeigerInnen Amandine Beyer, Giuliano Carmignola und Johannes Pramsohler oder dem Lautenisten Rolf Lislevand. Seine Zusammenarbeit mit der Geigerin Kinga Ujszászi führte zu Konzerteinladungen in ganz Europa und einem preisgekrönten Debütalbum. Im November 2021 wird er erstmals auch als Dirigent auf dem Podium stehen.

Von der internationalen Presse für ihre Virtuosität, verbunden mit tiefer Musikalität und stilistischem Wissen, geschätzt, hat Lina Tur Bonet eine vielseitige Karriere als Geigerin und Dirigentin entwickelt. Als fulminante Solistin feierte sie Erfolge an großen Konzertstätten in aller Welt, als Gastkonzertmeisterin spielte sie u.a. bei Il Complesso Barocco, Concerto Köln und weiteren renommierten Kammer- und Sinfonieorchestern. Von ihren 14 vielfach preisgekrönten CDs sei besonders ihre Einspielung der Biberschen »Rosenkranzsonaten« hervorgehoben, die von Radio France Classique zur besten Version des Werkes gekürt wurde.

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