Sonntag, 14. Juni 2009 | 17.00 Uhr
PHILEMON UND BAUCIS
Marionettenoper für hohen Besuch: Allerlei Götter bei Eszterháza
SÄNGER:
Lothar Odinius (Philemon)
Ruth Sandhoff (Baucis)
Ruby Hughes (Narcissa)
Magnus Staveland (Aret)
SCHAUSPIELER:
Sven Philipp (Jupiter)
Heiko Senst (Merkur)
Christian Dieterle (Apollo, Philemon)
Katja Hensel (Diana, Baucis)
Tjadke Biallowons (Venus, Narcissa)
Victor Calero (Apollo, Aret)
PUPPENSPIELER:
LITTLE ANGEL PUPPET THEATRE, LONDON
Gillie Robic (Venus, Baucis)
Sarah Wright (Diana, Narcissa)
Rebecca Wald (Merkur)
Simon Buckley (Apollo, Philemon)
Charles Broughton (Jupiter)
Michael Baylis (Mars, Aret)
CHOR
AKADEMIE FÜR ALTE MUSIK BERLIN
Musikalische Leitung: Olaf Boman
Regie und Ausstattung: Christopher Leith
Lichtdesign: John Roberts
Eine gemeinsame Produktion der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci und der Internationalen Haydn-Festspiele Eisenstadt
Großer Besuch kündigt sich an: 1773 macht sich Kaiserin Maria Theresia auf, das noch relativ neue Schloss der Fürsten Esterházy am Neusiedler See zu besuchen. Die Anlage ist von überwältigender Pracht und wird in Folge anerkennend »ungarisches Versailles« genannt. Für den hohen Besuch lässt Nikolaus I. ein umfangreiches Festprogramm an Lustbarkeiten entwerfen – und die zwei Musiktheater des Schlosses, das Opernhaus und das Marionettentheater, spielen eine bedeutende Rolle darin. Sie stehen sich auf der Mittelachse der Anlage gleichberechtigt gegenüber, als Symbol, dass dem Rokoko die Marionettenoper als ebenso hoch angesehen galt wie die reguläre Oper.
In einem zeitgenössischen Bericht heißt es: »
Nach dem Spaziergang betrat Ihre Kaiserliche Majestät den Marionettensaal, die Schauspieler und Musiker des Fürsten führten eine deutsche Oper auf des Titels ›Philemon und Baucis‹, eine Komposition des Kapellmeisters Heyden, dessen schöne Musik ihm viel Applaus und Anerkennung einbrachte.«
Haydns Singspiel »Philemon und Baucis«, dessen Libretto auf der Episode aus Ovids »Metamorphosen« basiert, beginnt mit einem Prolog auf dem Olymp, dem »Götterrath«. Die Götter sehen die Vernichtung der verkommenen Menschheit als beschlossene Sache an. Doch machen sich Jupiter und Merkur ein letztes Mal als Pilger verkleidet auf den Weg zur Erde, um zu sehen, ob sich nicht doch noch ein Grund zur Gnade finden lässt. In Phrygien begegnen sie dem alten Paar Philemon und Baucis, das soeben einem gewaltigen Gewittersturm (bei Haydn eine leidenschaftliche Ouvertüre in schicksalsschwangerem d-moll) entgangen ist. Die inkognito reisenden Götter bitten um Unterkunft und zeigen sich beeindruckt von der Gastfreundschaft und Freundlichkeit der beiden Alten. Diese sind arm und vor kurzem erst von einem schweren Schicksalsschlag heimgesucht worden: Ihr einziger Sohn und dessen Braut sind bei einem Sturm ums Leben gekommen. Jupiter ahnt eine Möglichkeit, den beiden Menschen eine Belohnung jenseits ihrer Vorstellungskraft zuteil werden zu lassen, wenn ihr Anstand und ihr Edelmut der Prüfung standhalten.
Es ist anzunehmen, dass das neu erbaute fürstlich-esterházysche Marionettentheater erst aus Anlass des hohen Besuchs von Kaiserin Maria Theresia und ihres Hofstaats eingeweiht wurde. Im Gegensatz zur Oper enthielt das schmucke kleine Gebäude keine Logen und Ränge und war über und über mit einem Mosaik von Muscheln und Schnecken ausgekleidet. Die Urfassung des Singspiels, das eine große Zahl von ausführenden Puppenspielern, Schauspielern, Sängern und Musikern benötigt, endet mit einem ausführlichen Lob auf das Habsburger Herrscherhaus. Übrigens: 1773 führte Haydn als Gegenstück zum ernsten Singspiel am Vortag die Opera buffa »L’infedeltà delusa« (vgl. auch Nr. 25) auf und die Kaiserin ließ sich von dem frechen Stück sogar zu einem hohen Lob über das Esterházysche Musiktheater hinreißen.
(siehe auch Nr. 5 und Nr. 10)